Bd. 22 · Juni 2026 Holstein Index ·
Holstein Index Fachblatt für Holstein-Friesian-Zucht — Genetik, Klassifizierung, Schauwesen — Bd. xxii —
← Magazin 12. Mai 2026
Hornlos · ZWS-April-2026

Polled-Holstein 2026 — Stand der PP-/Pp-Vererber-Lage und Bullen-Auswahl

Die Polled-Holstein-Genetik hat 2026 in deutschen Besamungsstationen ein Niveau erreicht, auf dem hornlose Top-Bullen mit RZG +140 und höher in der Breite verfügbar sind. Der Bericht zur Lage bei OHG, NOG und Masterrind.

Mit dem ZWS-Hauptlauf vom April 2026 ist erneut deutlich geworden, wie schnell sich der genetische Abstand zwischen hornloser und gehörnter Holstein-Genetik schließt. Vor rund zehn Jahren lag die Differenz im Mittel der Top-50-Liste noch bei etwa 30 RZG-Punkten — heute beträgt sie in der Spitze regelmäßig weniger als acht Punkte. Polled-Holstein ist damit von der Nischen-Anpaarung in den Status einer regulären Bullen-Auswahl-Option für mittlere Holstein-Betriebe übergegangen.

Verfügbarkeits-Lage bei deutschen Besamungsstationen

Masterrind, OHG und NOG führen im aktuellen Frühjahrs-Katalog 2026 jeweils zweistellige Stückzahlen geprüfter Polled-Vererber. Auffällig ist die Breite jenseits der absoluten Spitze: Während 2022 oberhalb von RZG +140 praktisch nur drei oder vier hornlose Bullen gelistet waren, stehen aktuell allein bei Masterrind sieben PP- oder Pp-Bullen über dieser Schwelle. Beispielhaft genannt seien POLDHOPE PP mit RZG +151 und überdurchschnittlichem RZE, PARFAIT Pp mit RZG +147 bei RZM +1.488 sowie der Rotbunt-Polled-Bulle POWERSHIFT PP-Red mit RZG +143. Die Genomik-Welle der Jahre 2023 und 2024 hat diese Verdichtung getragen.

Heterozygot Pp gegenüber homozygot PP

Die Unterscheidung zwischen Pp und PP bleibt für die praktische Anpaarung relevant. Ein homozygoter PP-Bulle vererbt seine Hornlos-Anlage zu 100 Prozent, ein heterozygoter Pp-Bulle zu 50 Prozent. Für Betriebe, die binnen einer Generation eine vollständig hornlose Herde anstreben, ist PP daher der direktere Weg. Allerdings ist das genetische Niveau der homozygoten PP-Bullen im Mittel noch immer rund vier bis sechs RZG-Punkte niedriger als jenes der heterozygoten Pp-Vererber — die zweimalige Selektion auf das Polled-Allel kostet schlicht Selektions-Intensität. Eine sinnvolle Strategie ist deshalb die gemischte Anpaarung: hochwertige Pp-Genetik auf die genetisch besten Kuhfamilien, PP-Bullen auf die mittlere Herde.

Rotbunt-Polled und niederländische CRV-Linien

Die Rotbunt-Polled-Linie hat 2026 ein bemerkenswertes Niveau erreicht. Über die RZG +130-Schwelle treten regelmäßig sieben bis neun rotbunte hornlose Vererber. Die niederländische CRV-Polled-Linie, traditionell stark in der Eutergesundheit, liefert mit den Söhnen aus den 2023er-Genomik-Jahrgängen eine spürbare Ergänzung — vor allem Bullen mit RZS deutlich über 110 sind im aktuellen Katalog überproportional vertreten. Aus den USA bringt die Holstein Association USA Polled-Genetik eine andere Akzentuierung: stärkere Fokussierung auf Milchmenge und Inhaltsstoffe, etwas geringere Gewichtung der Nutzungsdauer. Für deutsche Betriebe ist diese US-Linie deshalb nicht als Selbstläufer einsetzbar, sondern als gezielter Baustein in der Anpaarungs-Logik.

Praktische Bullen-Auswahl 2026

Für mittlere Holstein-Betriebe mit 80 bis 200 Kühen empfiehlt sich für 2026 ein Polled-Anteil von etwa 35 bis 50 Prozent der Anpaarung. Die Auswahl-Logik folgt drei Stufen.

Erstens: Auf den genetisch besten 20 Prozent der Kuhfamilien setzt die Anpaarung auf hochwertige Pp-Bullen — die zusätzliche RZG-Differenz von vier bis sechs Punkten gegenüber PP rechtfertigt das Restrisiko eines gehörnt geborenen Kalbes.

Zweitens: Die mittlere Herde wird konsequent mit PP-Bullen belegt. Hier zählt die Generations-Wirkung — ein homozygoter Vererber auf der mittleren Kuh produziert sicher hornlose Nachkommen, und der genetische Abstand ist gering genug, um vertretbar zu sein.

Drittens: Auf den genetisch schwächsten 20 Prozent der Herde — den klassischen Schlacht-Vorbereitungs-Kandidatinnen — wird oft auf Polled-Fleisch-Anpaarung umgestellt, was zwar nicht zur Zuchtgenetik gehört, aber den Hornlos-Anteil der gesamten Kälber-Generation hebt.

Berücksichtigung in der Anpaarungs-Empfehlung

Die Anpaarungs-Programme der deutschen Besamungsstationen behandeln den Polled-Status 2026 nicht mehr als gesondertes Kriterium, sondern als reguläres Merkmal innerhalb der Optimierungs-Logik. Wer als Betrieb eine vollständig hornlose Herde innerhalb von zwei Generationen erreichen will, gibt im Anpaarungs-Programm einen PP-Mindestanteil vor — oft 60 Prozent. Die Programme finden dann unter Berücksichtigung der Inzucht-Vermeidung und der Linear-Korrekturen die passenden Bullen. Die Zeit, in der Polled-Anpaarung einen genetischen Kompromiss bedeutete, ist 2026 weitgehend beendet.


Ressort: Hornlos