Bd. 22 · Juni 2026 Holstein Index ·
Holstein Index Fachblatt für Holstein-Friesian-Zucht — Genetik, Klassifizierung, Schauwesen — Bd. xxii —
← Magazin 19. Mai 2026
Klassifizierung · DHV-Bewertungs-Kommission

Linear-Beurteilung 2026 — Praxis-Anwendung im Holstein-Zuchtbetrieb

Linear-Beurteilung bleibt die Lingua Franca der Holstein-Klassifizierung. Wie die EX/VG/GP-Notation 2026 im Zuchtbetrieb angewendet wird, welche Linear-Merkmale praktisch wichtig sind und wo die genomische ZWS sie verändert hat.

Die genomische Zuchtwert-Schätzung hat die Holstein-Selektion in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert. Was sie nicht abgelöst hat, ist die Real-Bewertung der lebenden Kuh durch die Linear-Klassifizierung. Im Gegenteil: Der Bedarf an genauer, reproduzierbarer phänotypischer Beurteilung ist 2026 höher denn je — denn nur sie liefert die Trainingsdaten, ohne die der genomische RZE mittelfristig an Aussagekraft verliert.

Das Sieben-Hauptnoten-System

Die DHV-Bewertungs-Kommission führt die Klassifizierung 2026 weiterhin nach dem etablierten Schema. Sieben Hauptnoten werden auf einer 50- bis 99-Punkte-Skala vergeben: E (Exzellent, 90 und höher), V (Sehr gut, 85 bis 89), G (Gut plus, 80 bis 84), F (Befriedigend), M (Mäßig), P (Passabel) und die Sonderbewertung Mg für Mängel. Die Notation wird mit dem Punktwert kombiniert: Eine Erstlaktations-Färse mit 84 Punkten erhält den Eintrag GP-84, eine Mehrlaktations-Kuh mit 86 Punkten VG-86, ein Spitzentier mit 93 Punkten EX-93 (E), wobei der Klammer-Zusatz auf die Hauptnote Euter verweist. Erstlaktations-Färsen werden im deutschen System bei maximal 89 Punkten gedeckelt — die Bewertung EX ist Mehrlaktations-Kühen vorbehalten.

Die 18 Einzelmerkmale

Hinter der Hauptnote stehen 18 lineare Einzelmerkmale, jeweils auf einer 1- bis 9-Skala. Sie gliedern sich in Rahmen (Größe, Stärke, Körpertiefe, Milchcharakter), Becken (Beckenneigung, Beckenbreite), Fundament (Hinterbeinwinkelung, Klauenwinkel) und Euter (Eutertiefe, hintere Euterhöhe, hintere Euterbreite, Zentralband, Strichplatzierung vorn, Strichplatzierung hinten, Strichlänge, Voreuter-Aufhängung). Die Linear-Karte einer einzelnen Kuh wird daraus zur Persönlichkeits-Skizze: Eine Färse mit 7 bei Klauenwinkel, 6 bei Eutertiefe und 8 bei Voreuter-Aufhängung trägt nicht nur eine Notenkombination — sie zeigt ein funktionales Profil, das die Wahrscheinlichkeit einer langen Nutzungsdauer hoch wahrscheinlich macht.

Was RZE +130 praktisch bedeutet

Der Exterieur-Zuchtwert RZE +130 liegt drei Standardabweichungen über dem Populationsmittel — der Vererber bringt im Mittel deutlich verbesserte Exterieur-Eigenschaften gegenüber dem Durchschnittsbullen. Für den praktischen Zuchtbetrieb übersetzt sich das in Erstkalbinnen mit messbar besseren Eutern, festeren Voreuter-Aufhängungen und korrekteren Klauenwinkeln. Der Wert allein sagt aber nichts über die Verteilung — ein RZE +130 aus überdurchschnittlichem Rahmen und mittelmäßigem Euter ist in der Praxis weniger wertvoll als einer aus mittlerem Rahmen und überdurchschnittlichem Euter. Deshalb gehört der Blick auf die Linear-Töchter-Profile vor jeder Bullen-Auswahl auf den Anpaarungs-Tisch.

Welche Merkmale Nutzungsdauer am stärksten beeinflussen

Aus den Auswertungen der letzten fünf MLP-Jahrgänge zeigt sich konsistent: Klauenwinkel, Eutertiefe und Voreuter-Aufhängung erklären gemeinsam den größten Teil der phänotypischen Streuung der Nutzungsdauer. Eine Kuh mit Klauenwinkel 6 oder höher hat im Mittel rund 280 Tage mehr Nutzungsdauer als eine Kuh mit Klauenwinkel 3 — das ist eine ökonomisch relevante Größenordnung. Eutertiefe und Voreuter-Aufhängung beeinflussen das Mastitis-Risiko und damit den Abgangs-Druck. Strichplatzierung dagegen — historisch eines der prominentesten Merkmale — ist 2026 funktional weniger entscheidend, weil moderne Melk-Roboter und Klassenständer-Anlagen mit einer breiteren Variabilität umgehen können.

Wie die genomische ZWS die Linear-Klassifizierung verändert hat

Bis etwa 2015 war die Linear-Bewertung die einzige verlässliche Quelle für Exterieur-Selektion. Heute liefert die genomische ZWS bereits beim Kalb eine Schätzung des RZE. Daraus könnte man schließen, dass die Real-Bewertung an Bedeutung verliert. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Die genomische Schätzung wird nur dann genau, wenn sie kontinuierlich gegen reale Linear-Daten kalibriert wird. Jede Erstkalbins-Bewertung speist die Referenzpopulation. Betriebe, die ihre Färsen nicht mehr durch die Bewertungs-Kommission klassifizieren lassen, sägen am Ast, auf dem die ZWS-Qualität ihrer eigenen Anpaarungs-Entscheidungen sitzt.

Das Lese-Verständnis der Linear-Karte

Für Holstein-Züchter mit 80 bis 150 Kühen ist die Linear-Karte der Erstkalbins-Bewertung das zentrale jährliche Analyse-Instrument. Wer sie liest, sucht nicht nach Einzel-Spitzenwerten, sondern nach Mustern. Wiederholt niedrige Klauenwinkel-Werte über mehrere Töchter desselben Bullen sind ein deutliches Signal, diesen Vererber aus der Anpaarung zu nehmen — unabhängig davon, was sein RZE aussagt. Wiederholt hohe Werte bei Voreuter-Aufhängung in den Töchter-Gruppen einer bestimmten Mutter-Linie wiederum sind ein Indiz, diese Kuh-Familie in der Anpaarungs-Strategie höher zu gewichten. Die Linear-Karte ist 2026 nicht das Echo einer vergangenen Bewertungs-Welt, sondern ein aktives Steuerungs-Instrument im Zuchtbetrieb.


Ressort: Klassifizierung